
Über das Zitat (links) von Ida Rolf musste ich lange nachdenken, als ich mit der Ausbildung zur Rolferin ® begann. Die Schwerkraft kann heilsam wirken, indem sie uns durchfließt - wie bitte? Wie kann das sein?
Eine der Schwierigkeiten, das zu begreifen, liegt schon daran, dass wir die Schwerkraft meist nicht wahrnehmen. Sie ist so selbstverständlich für uns wie das Wasser für einen Fisch, der eben auch nichts anderes kennt. Wir spüren die Schwerkraft bewusst zum Beispiel, wenn wir einen schweren Gegenstand tragen oder aber das Gleichgewicht verlieren und fallen. Ja, Schwerkraft kann weh tun...
Doch dass die Schwerkraft ein wichtiger Faktor in unserer Entwicklung ist und dass sie uns unterstützen kann, ist den meisten nicht bewusst.
Auch meinen Klientinnen und Klienten ist diese Tatsache anfangs manchmal nicht leicht zu vermitteln, zumindest nicht in Worten. Aber spüren können es die allermeisten schon nach der ersten Sitzung und dann mit jeder Sitzung deutlicher. Sie drücken die Veränderung mit Worten aus wie "Meine Beine fühlen sich leichter an", "Ich fühle mich viel größer als zuvor", "Mein Kopf will immer höher hinaus". Und dann sind da die Gesten, die manchmal mehr sagen als Worte. Denn es in Worte zu fassen, fällt manchen nicht leicht. Handflächen, deren Bewegung gen Boden signalisiert, dass man sich besser getragen durch die Füße fühlt. Hände, deren Bewegung nach oben signalisiert, dass sich der Körper spürbar leichter aufrichten kann. All das bedeutet, dass die Schwerkraft diese Klientinnen und Klienten nicht mehr so stark nach unten zieht. Die Schwerkraft durchfließt den Körper immer freier.
Wenn der Körper sich mit der Schwerkraft anfreundet

Bei jeder Rolfing-Sitzung bekommt der Körper die Option, sich besser und leichter im Schwerefeld zu organisieren. Dabei gehen wir Rolfer systematisch vor, haben eine Strategie, die in jeder Sitzung zu einem bestimmten Ziel hinführen soll.
Wenn Fehlspannungen im Organismus immer mehr verschwinden, tun das auch viele Beschwerden. So einfach ist es im Grunde :-)
Dabei werden nicht nur Gelenke wie die Knie sowie die Wirbelsäule entlastet, auch die Atmung ist freier, die Organe im Bauchraum und im Brustkorb - Lunge und Herz - haben wieder mehr Raum, was auch die Funktion der Organe verbessern kann.
Grafik:ERA
Je besser wir uns harmonisch einschwingen mit unserem Körper, der in der Schwerkraft balanciert und mit dem Boden verbunden ist, desto mehr erfahren wir Leichtigkeit. Wenn wir auf diese Weise leicht sind, werden wir nach oben getragen, richten uns auf, fühlen uns ausgeglichen, fühlen uns wohl.
Und wenn wir aufrecht sind, so hat es Ida Rolf formuliert, dann fördern wir unsere Evolution als menschliche Wesen.
Rolfing wirkt auf mehreren Ebenen

Ida Rolf beschäftigte die grundlegende Frage:
Wie muss die Struktur eines Körpers aussehen, um im Einklang mit der Schwerkraft zu sein, so dass der Körper und der Mensch insgesamt möglichst optimal funktionieren können? Neben der Physiologie hatte Ida Rolf sich mit Osteopathie beschäftigt und dann auch Physik studiert.
Aber für sie hatte diese grundlegende Frage auch eine meta-physische Komponente. Sie war überzeugt davon, dass ein Mensch erst dann, wenn er in seinem physischen Körper unbeschwert aufrecht ist, auch in seinem Geist und seiner Psyche sein volles Potenzial entfalten kann. Dieser Aspekt der Wirkung von Rolfing® Strukturelle Integration steht heutzutage nicht im Vordergrund. In den 1980er Jahren, als die erste "Rolfing-Welle" Deutschland erreichte, war das anders. Ältere Rolfing-Kollegen sprechen manchmal davon und auch Klienten haben mir davon berichtet, dass sie deshalb eigentlich schon vor Jahrzehnten Rolfing ausprobieren wollten.
Es kommt nicht von ungefähr, dass ein Teil meiner Klienten in Phasen des Umbruchs und der Veränderung zu mir finden. Rolfing kann sie unterstützen, sich für Neues im Leben zu öffnen - durch die Öffnung, die sich im Körper vollzieht. Wie spannend und wunderbar, diesen Prozess als Rolferin begleiten und miterleben zu dürfen!
Schwerkraft und Entwicklung unseres Körpers
Sobald ein Baby die Umgebung des Mutterleibs verlassen hat, stellen sich neue Herausforderungen - auch die, mit der Schwerkraft umzugehen. Das Baby erkundet die Welt um sich herum, mit allen Sinnen. Zuerst bringt die Suche nach Nahrung den Kopf in Bewegung, auch das Nuckeln und das Schreien beginnen, den Hals und die Halswirbelsäule zu formen. Die Halswirbelsäule entwickelt eine Lordose ("Vorwärtskrümmung"). Dann die Brustwirbelsäule eine Kyphose zum Ausgleich und die Lendenwirbel wiederum eine Lordose. So können wir uns aufrichten und uns anpassen, beweglich sein in allen erforderlichen Richtungen, während wir uns mit der Schwerkraft arrangieren.
Schließlich stehen und gehen wir, nach vielen missglückten Versuchen und vielen Stürzen. Unser Muskel- und Fasziensystem bewerkstelligt es immer besser, uns auszubalancieren, es entwickelt sich mit den Erfordernissen. Der untere Teil des Körpers von Füßen bis Becken hat die Aufgabe einer Stütze, wir haben und brauchen den Boden für Stabilität, um Halt zu finden und uns auszuruhen. Der obere Teil des Körpers orientiert sich nach oben und außen, in den Raum. Beides ist wichtig und es ist auch wichtig, dass unten und oben miteinander kommunizieren und in einer ausgeglichenen Beziehung zueinander existieren. Dann können wir die Schwerkraft als positive Kraft nutzen, die uns unterstützt.
Beim Rolfing sind Körper und Schwerkraft ein Schlüsselthema.
Wir fragen zum Beispiel, ob der Körper eine bessere Unterstützung durch Füße und Beine braucht, damit die Atmung freier fließen kann, sie Schultern entspannen können, wir mehr Raum einnehmen können, mehr Kapazität für die Orientierung und den Ausdruck haben.
Letztlich zielt die Arbeit beim Rolfing darauf ab zu helfen, dass der Mensch in seiner Körperstruktur zentriert ist, sich sicher unterstützt und leicht fühlen kann, sich ebenso bewegen kann. Und das auch auf der psychischen Ebene. Beides gehört zusammen.